zum Artikel "Contact your dog" von Sabine Winkler

 

"Köpfchen statt Knöpfchen... "

- Artikel zum Thema "Sprühhalsbänder"

...das gilt auch für die viel gepriesenen Sprühhalsbänder, die in verschiedenen Ausführungen den Markt erobert haben. Spätestens seit uns Hundenanny Katja Geb-Mann allwöchentlich im deutschen Fernsehen vorführt, wie jeder Hund, ganz gleich welches Problem er seinen Haltern vermeintlich oder tatsächlich bereitet, mit Einsatz einer Fernbedienung in das Verhalten gepresst werden kann, das Herrchen oder Frauchen beliebt, finden die Halsbänder, die einen angeblich völlig harmlosen Spraystoß von sich geben, steigenden Absatz.

Doch schon der gesunde Menschenverstand lässt einen aufhorchen, wenn Hersteller und Anwender behaupten, dass der jederzeit auszulösende Sprühstoß für den Hund „gar nicht schlimm“ sei. Da fragt man sich doch selbst nach nur kurzem Nachdenken, wie es denn möglich sein soll, instinktive, genetisch fixierte Verhaltensweisen wie zum Beispiel das Jagdverhalten durch etwas zu unterdrücken, das dem Hund gar nichts ausmacht?! Dem Hundehalter wird generös angeboten, das Gerät doch selbst mal in die Hand zu nehmen oder um den Hals zu legen, während der Trainer den Auslöser betätigt... und tatsächlich, so schlimm war das doch gar nicht. Ein kurzes „Zischhhh“ mit etwas feucht-kalter Luft. „Ja“, bestätigt der überzeugte Hundehalter, „das war gar nicht schlimm.“ Was Hersteller und Trainer jedoch geflissentlich verschweigen (aus Unwissenheit oder in betrügerischer Absicht?!), ist die Tatsache, dass plötzlich auftretende, nicht eindeutig zuzuordnende Zischlaute beim Hund als Angst auslösende, sogar lebensbedrohliche Laute abgespeichert sind, bei denen sofort die Flucht ergriffen werden muss. Jeder kennt den Anblick eines Hundes, der sich selbst im Körbchen `zig mal um die eigene Achse dreht, bevor er sich schließlich gemütlich niederlegt. Es handelt sich bei dieser Verhaltensweise um ein Erbe aus den Zeiten, in denen der Hund noch weitgehend draußen in Freiheit lebte. Bevor er sich hinlegte, drehte er sich mehrfach im Gras oder Laub, um die ausgesuchte Liegestelle als ungefährlich abzusichern. Sollte beim Drehen ein Zischlaut (zum Beispiel von einer Schlange) zu hören sein, würde er sich durch einen Sprung zur Seite in Sicherheit bringen. Biologisch sinnvoll... und diesen genetisch fixierten, Angst auslösenden Zischlaut bringen wir Menschen nun in den unmittelbaren Kopfbereich des Hundes! Und drücken vielleicht gleich mehrfach das Auslöseknöpfchen, worauf der Hund ganz leicht nicht nur in Angst, sondern sogar in Panik versetzt werden kann – ohne die Möglichkeit, sich durch die Flucht zur retten!

Eigentlich ist dieser Umstand allein schon Grund genug, niemals zu erlauben, dass einem uns anvertrauten Lebewesen ein solches Gerät angetan (im wahrsten Sinne des Wortes!) wird. Es gibt aber noch mehr Probleme:
Der Hund weiß nie, wann und vor allem warum der Sprühstop ausgelöst wird, befindet sich also in ständiger Erwartungsunsicherheit. Wer wissen möchte, wie sich das anfühlt, dem empfehle ich folgendes Eigenexperiment, das nicht in Anwesenheit eines Hundes durchgeführt werden sollte, damit dieser nicht unnötig verunsichert wird: Bitten Sie ein Familienmitglied oder einen Freund, Sie wirklich stark zu erschrecken, zum Beispiel durch einen lauten Schrei oder dadurch, dass er plötzlich die Stereoanlage zu voller Lautstärke aufdreht oder zwei Töpfe aufeinander schlägt, wenn Sie gerade überhaupt nicht damit rechnen, sich zum Beispiel entspannt im Sessel zurücklehnen oder gerade mit Freunden Karten spielen. Das Experiment sollte mindestens mehrere Stunden, am besten ein oder zwei Tage dauern und der Schreckreiz sollte in dieser Zeit mehrfach ausgelöst werden – ohne dass Sie wissen, wann dies sein wird. Sie werden merken, dass der eigentliche Reiz, wenn er dann endlich auftritt, bei weitem nicht so schlimm zu ertragen ist, wie die zermürbende Warterei auf ihn. Obwohl man ihn fürchtet, wünscht man ihn schon beinahe herbei in der Hoffnung, dann wieder eine Weile Ruhe zu haben, was aber nicht so ist, da er kurz nach dem Auftreten ein zweites oder drittes Mal ausgelöst wird und dann wieder stundenlang gar nicht, ganz wie es Ihrem Helfer beliebt. Keine angenehme Vorstellung, nicht wahr?!

Aber es gibt noch weitere Probleme. Gleich mehrere ergeben sich aus der Tatsache, dass Hunde über gedankliche Verknüpfung lernen. Trägt der Hund das Halsband und erhält den Sprühstoß, wenn er zum Beispiel auf mehrfachen Zuruf nicht kommt, so möchte der Mensch ihm damit zeigen, dass er dafür mit Schreckreiz bestraft wird, dass er ungehorsam ist. Es kann aber gut sein, dass er in genau diesem Moment zu einem kleinen Kind, einem Jogger oder einem anderen Hund schaut – und den Strafreiz damit verbindet. Das Ergebnis ist dann ein Hund, der noch immer nicht besser auf Abruf reagiert, dafür aber Ängste, evtl. sogar durch die Angst ausgelöste Aggressionen, gegen das entwickelt, was er gerade sah. Die Hundehalter sind dann ratlos, weil ihr Hund „plötzlich“ kleine Kinder meidet oder Jogger anknurrt, mit denen er doch bisher bestens auskam. Viele solcher Beispiele finden sich in meiner Hundeschule ein, erst kürzlich ein Rodesian Ridgeback Rüde, dessen Sprühhalsband immer ausgelöst wurde, wenn er zum Wildern durchbrennen wollte. Bei diesen Spaziergängen war allerdings auch immer seine Gefährtin, der Zweithund der Familie, anwesend. Die Halter kamen nun nicht wegen des unerwünschten Jagdverhaltens zu mir in die Hundeschule, mit dem sie sich inzwischen abgefunden hatten, sondern weil der Rüde seit Wochen die Nähe der Hündin mied. Immer wenn diese den Raum betrat oder sich, so wie früher, zu ihm kuscheln wollte, verließ er mit ängstlichem Gesichtsausdruck das Zimmer und das konnte man sich nicht erklären... Was hatte man diesen beiden Hunden angetan! Welche Gefühle wurden in den Tieren ausgelöst?! Der Rüde hatte nun Angst vor seiner Gefährtin, die er früher heiß und innig liebte, während diese nicht verstehen konnte, weshalb er, der vorher immer leidenschaftlich mit ihr spielte und tobte, sie jetzt mied. Die gleiche Trainerin, die den Einsatz des Sprühhalsbandes empfohlen hatte, empfahl jetzt übrigens, einen der Hunde abzugeben, weil die Tiere sich unterschiedlich entwickelt hätten und einfach nicht mehr gut zueinander passen würden. Die Ängste des Rüden erklärte sie über die angeblich dominante Ausstrahlung der Hündin. Man könnte weinen, wenn Hunden mit einem solchen Schicksal gegenüber steht – oder es packt einen einfach nur die Wut.

Die Probleme gehen noch weiter, denn nichts generalisiert sich bei Hunden so schnell, wie Geräuschangst. Nicht nur dieser Rüde, sondern auch zahlreiche andere Hunde entwickeln nach Einsatz des Sprühhalsbandes Ängste vor allen möglichen Geräuschen. Das Öffnen einer kohlsäurehaltigen Getränkeflasche, das Zischen von heißem Fett in der Pfanne, Knall- und Schussgeräusche, die dem Hund vorher egal waren, versetzen ihn jetzt in Angst und Schrecken. Der oben erwähnte Ridgeback Rüde zum Beispiel verzog sich mit eingezogener Rute unter den Tisch des Besprechungsraums, als ich eine Wasserflasche öffnete. Dies tat ich nicht, weil ich Durst hatte – trauriger Weise gehört es inzwischen schon fast zum Standardprogramm beim ersten Kennenlernen und Analysieren eines mir vorgestellten Hundes auszutesten, ob er schon mit Sprühhalsband gearbeitet wurde und welche Wunden dies an seiner Seele hinterlassen hat. Die Halterin war auch sehr erstaunt, als ich ihr nach dem „Flaschentest“ auf den Kopf zusagte, dass an ihrem Hund sicher schon mit Sprühhalsband gearbeitet worden war. Das wollte sie mir eigentlich gar nicht erzählen, weil sie schon gehört hatte, dass ich gegen den Einsatz dieser Geräte bin. Nachdem ich sie auf die Reaktion ihres Hundes hingewiesen hatte, war sie sehr betroffen. Und wütend, nachdem ich ihr erklärte, weshalb ihr Rüde jetzt Angst vor der Hündin und vor allen möglichen Geräuschen hatte. Wütend auf die Trainerin, die sie auf diese „unerwünschten Nebenwirkungen“ nicht aufmerksam gemacht, sondern immer erklärt hatte, wie harmlos der Einsatz des Gerätes sei. Für mich stellt sich die Frage, ob Kollegen, die es einsetzen, um diese Nebenwirkungen nicht wissen, oder ob sie diese bewusst verschweigen, weil kaum jemand bereit wäre, den Einsatz zu erlauben, wenn sie bekannt wären. Und ich stelle mir die Frage, was von beiden eigentlich schlimmer ist...

Last not least gibt es Probleme mit der Technik. Es soll schon vorgekommen sein, dass das Gerät durch andere Funkfrequenzen oder sogar die Fernbedienung eines in der Nähe befindlichen Halsbandes an einem anderen Hund ausgelöst wurde. Der Strafreiz wird dann also einem Hund verabreicht, der einfach nur herumsteht oder gerade spielt oder sonst etwas tut. Das steigert die Erwartungsunsicherheit natürlich noch mehr und erhöht die Trefferquote auf Fehlverknüpfungen immens. Zusätzlich löst es nicht immer zuverlässig aus, kann zum Beispiel durch Wetterlagen mit feuchter Luft (Nebel, Regen) verzögert oder gar nicht reagieren. Schließlich zeigt es auch nicht an, wann die Batterie leer ist, wodurch es passieren kann, dass der Auslöser gedrückt wird und nichts geschieht. Dann käme man durch das Ausbleiben des Strafreizes (wenn der Hund denn überhaupt verstanden hätte, wofür er eigentlich bestraft werden soll) in den Bereich der variablen Bestätigung, was das unerwünschte Verhalten sogar noch verstärkt. Der Hund würde nämlich lernen, dass er das Verhalten nur immer wieder zeigen muss, bis er schließlich wieder zum Erfolg (in diesem Fall das Ausbleiben des Strafreizes und die erfolgreiche Durchführung des Verhaltens) kommt.

Man kann es also drehen und wenden, wie man will: Sprühhalsbänder sind ganz und gar nicht harmlos, im Gegenteil sogar sehr gefährlich. Manche Hunde werden durch sie so verunsichert, dass sie in die so genannte erlernte Hilflosigkeit fallen, was zur Folge hat, dass sie kaum noch Aktionen zeigen oder Handlungen anbieten, weil sie in ständiger Angst vor dem für sie unkalkulierbaren Strafreiz leben. Um diesen Tieren – und ihren verzweifelten Haltern – zu helfen, braucht es ein meist lang angelegtes, gut durchdachtes Training, das den Hund aus dieser erlernten Hilflosigkeit und seinen vielfältigen Ängsten wieder herausholt.

Sprühhalsbänder gaukeln dem Hundehalter vor, mal eben schnell per Fernbedienung eine Lösung für vermeintliche oder tatsächlich entstandene Probleme zu haben. Aber so einfach ist das nicht. Hunde sind uns anvertraute, fühlende und denkende Lebewesen, die nicht beliebig manipulierbar sind und deren Lernverhalten sich von dem unseren ganz erheblich unterscheidet. Ich kann deshalb nur dringend empfehlen, jeden Ausrüstungsgegenstand und jede Methode, der/ die durch Hersteller oder Trainer empfohlen wird, vor Anwendung am Hund genau zu prüfen, sich gut zu informieren und im Zweifelsfall nach dem guten alten Motto zu entscheiden, das auch für unsere Hunde gelten sollte: Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu.

© Clarissa v. Reinhardt
animal learn

P.S.: Hiermit lade ich alle Hundefreunde ein, bei der Verbreitung dieses Textes zu helfen. Ich erlaube als Autorin ausdrücklich, ihn (vollständig und unverändert und unter Nennung der Quelle) auf anderen Homepages zu veröffentlichen, auszudrucken und zu verteilen oder auf ihn hinzuweisen. Je mehr Menschen um die Tücken und Gefahren des Sprühhalsbandes wissen, je mehr Hunden bleibt dessen Anwendung – hoffentlich – erspart. Ein herzliches DANKE an jeden, der diesen Text weiter gibt

 

 

Mit freundlicher Genehmigung von Sabine Winkler (aHa-Hundeausbildung):

„Contact your Dog“ mit Strom !?

  Hallo allerseits!

Von Birgit Funk habe ich gehört, dass seit dem Artikel „Schluss mit Leckerchen und Trallala!“ in „Partner Hund 2/2001“ schon einige Obedience-Sportler bei ihr angerufen haben, um zu fragen, ob man die in dem Artikel geschilderte Methode, die unter dem Namen „Contact your Dog“ vermarktet wird, nicht auch fürs Obediencetraining verwenden könnte, z.B. „wenn der Hund das eine oder andere gar nicht lernen will“. Grund genug für eine Stellungnahme.

Grundsätzlich können wir Menschen unsere Hunde auf zwei Wegen beeinflussen:

1.      durch positive Verstärkung = der Hund arbeitet, um etwas Angenehmes zu bekommen oder tun zu dürfen. Er wird z.B. mit Spiel, Leckerli oder anderen Dingen belohnt, wenn er das von uns Gewünschte tut.

2.      durch negative Verstärkung = der Hund arbeitet, um etwas Unangenehmem zu entgehen oder es „abzustellen“. Man setzt also einen unangenehmen Reiz (= Sinneswahrnehmung), z.B. Druck auf den Körper, Zug oder Ruck an der Leine, Elektroschock o.ä. und wenn der Hund das von uns Gewünschte tut, beendet man die unangenehme Einwirkung. Das Gefühl der Erleichterung, das der Hund dann verspürt, ist natürlich auch eine wirksame „Belohnung“.

„Contact your Dog“ und andere ähnliche Systeme beruhen auf negativer Verstärkung durch sogenannte Reizstromgeräte (volkstümlich Teletakt genannt). Neue Geräte dieser Art von der Firma Innotec erlauben durch sehr viele einstellbare Stufen eine dosiertere Stromeinwirkung als herkömmliche Geräte. Auf den niedrigen Stufen handelt es sich um eine Art „kribbeln“, das zwar unangenehm, aber unterhalb der Schmerzgrenze angesiedelt sein soll. Im Prinzip wird der Hund also „unter Niedrigstrom gesetzt“. Dieser wird abgestellt, sobald der Hund das vom Menschen Gewünschte tut. Zusätzlich werden „Hilfen“ wie Zug oder Druck mit Leine und/oder Händen eingesetzt, um das gewünschte Verhalten „anzubahnen“. Die Methode ist sicherlich recht ausgefeilt und wesentlich tierschutzgerechter als die „alte“ Teletaktanwendung. Sie ist aber dafür auch recht kompliziert in der Anwendung und – wie gesagt - zweifellos eine Methode der negativen Verstärkung.

Negative Verstärkung funktioniert, was man schon daran sieht, dass auch Folterknechte in aller Welt sich dieser Methode bedienen, wenn sie Geständnisse erpressen wollen. (Fairerweise muss man allerdings hinzufügen, dass sie höhere Stromstärken verwenden als „Contact your Dog“.) In der Hundeausbildung hat sie aber einige Tücken.

Erstens ist es im Gegensatz zu positiver Verstärkung eine sehr wenig fehlertolerante Methode. Ein im falschen Moment gegebenes Leckerchen schadet nicht viel, eine im falschen Moment gegebene oder nicht im richtigen Moment wieder aufgehobene unangenehme Einwirkung schon.

Zweitens steht der Hund durch die unangenehmen Reize, die man ihm zufügt, unter mehr oder minder großem Stress. Ist er zu stark gestresst, kann er nicht lernen.

Drittens besteht die große Gefahr, dass er die Unannehmlichkeiten mit anderen Dingen verknüpft als man will, z.B. mit der Person des Trainers oder dem Hundeplatz oder dem Bringholz usw. Er würde dann beginnen, Meideverhalten oder sogar aktive Gegenwehr gegenüber all dem zu zeigen. Viele Hunde bekommen mit der Zeit auch eine negative Einstellung zum Üben mit ihrem Menschen. Sie werden dann lustlos und widerwillig und neigen zu „Drückebergerei“.

Viertens führt der Einsatz von unangenehmen Reizen noch lange nicht dazu, dass der Hund automatisch das tut, was man möchte. In Lernexperimenten an Ratten und anderen Tieren hat man vielfach festgestellt, dass Tiere durch negative Verstärkung zwar leicht Flucht- und Angriffsreaktionen lernen, aber meist nur sehr schwer lernen, etwas aktiv zu tun. Negative Verstärkung kann daher passend sein für z.B. Kommen (als Flucht zum Hundeführer, wenn alles klappt wie gewünscht) oder Platz neben dem Hundeführer (als „Flucht“ in eine Unterwerfungsgeste, wenn alles klappt wie gewünscht). Für andere Aufgaben eignet sich negative Verstärkung nicht besonders gut, weil das, was der Hund tun soll, seiner natürlichen Reaktion auf unangenehme Reize widerspricht.

Negative Verstärkung hat noch eine Besonderheit, die man einkalkulieren muss: sie wirkt tatsächlich im Einzelfall schneller und durchschlagender als positive Verstärkung und braucht seltener „aufgefrischt“ zu werden als diese. Hunde führten in Experimenten z.B. Verhaltensweisen, die über Elektroschocks gelernt wurden, noch bis zu 200 mal korrekt aus, nachdem eigentlich gar kein Schock mehr gekommen wäre, wenn der Hund nicht „gehorcht“ hätte. Dagegen kommt man bei positiver Verstärkung kaum über eine Rate von 40 Verhaltensweisen pro Futterbelohnung heraus. Negative Verstärkung ist also wirklich etwas für Leute, die „es satt haben, den Hund mit Leckerchen zu füttern“. Allerdings kommt man mit einem Leckerchen für 40 Kommandos auch gut durch eine Prüfung. ABER all das trifft nur zu,

-         falls man alles ganz richtig macht,

-         falls keine unerwünschten Nebenwirkungen eintreten,

-         falls man eine Reaktion anstrebt, die zumindest in weiteren Sinne aus dem Flucht- oder Angriffsbereich  stammt,

-         und falls man SEHR STARK UNANGENEHME REIZE verwendet.

Benutzt man nur schwach unangenehme Reize, lernt der Hund nämlich weder schneller noch „nachhaltiger“ als bei positiver Verstärkung. Wenn also der Hund mit der neuen „Contact“-Methode wie versprochen wirklich in kurzer Zeit absolut gehorsam wird und diesen Gehorsam auch lang anhaltend zeigt, lässt das nur den Schluss zu, dass entweder das „Kribbeln“ dem Hund doch sehr unangenehm ist (obwohl es angeblich nicht weh tut) oder dass eben im entscheidenden Moment (wenn der Hund im weiteren Verlauf der Ausbildung „den Gehorsam verweigert“) doch mit Strom im Schmerzbereich gearbeitet wird. Und genau das ist auch der Fall. Oder meint Ihr, ein leichtes „kribbeln“ würde auch dann noch ausreichen, um den Hund zu stoppen, wenn er hinter einem Hasen hergeht? Zugegeben: hat man bis dahin alles richtig gemacht und die Übungen sorgfältig aufgebaut, sollte ein wirklicher Schmerzreiz nur selten nötig sein. Ich denke aber, das angeblich so harmlose „Kribbeln“ hat spätestens danach seine „Unschuld“ verloren und ist zur offenen Drohung geworden.

Und was den vielzitierten Alphawolf und den Respekt vor ihm sowie das Argument betrifft, all das sei ja nur natürlich, weil die Welt nun mal kein Paradies ist: nach dem heutigen Stand des Wissens hat „Gehorsam“ auf „Kommandos“ mit Dominanz nichts zu tun. Wer das nicht glauben will, frage sich einmal, was für „Befehle“ der Alphawolf seinen Untergebenen im Rudel denn gibt. Es sind nur Sachen wie „Lass das sein! Lass mich in Ruhe! Geh da nicht dran! Geh mir aus dem Weg!“ usw. Also nur etwas, das unserem „Nein“ entspricht. „Sitz“, „Platz“ „Brings“ oder „Fuß“ kommen im natürlichen Hundeleben nicht vor, umso weniger Distanzkontrolle, „Hinterteilarbeit“, Scent Discrimination oder Rückwärtsgehen. Und den „Mithund“ unter Niedrigstrom zu setzen ist unter Hunden wohl auch nicht üblich.

Das sind die nüchternen Tatsachen. Nun, liebe Hundesportler, müsst ihr mit Eurem Hund und Eurem Gewissen ausmachen, was ihr anwenden wollt und was nicht. Einige Denkanstöße gebe ich Euch aber noch auf den Weg.

1. Stellt Euch das Ganze bloß nicht zu einfach vor nach dem Motto: nehmen wir doch mal schnell „Contact your Dog“ und schon klappt’s mit dem Nachbarn. Die ganze Methode mit dem Niedrigstrom erfordert mindestens ebenso viel Hintergrundwissen, Fingerspitzengefühl, Übung und Einarbeitungs- und Umstellungszeit wie z.B. Clickertraining.

2. Obedience ist eine absolut künstliche Sache für den Hund. Er hat nicht darum gefragt, all das zu lernen. Es ist absolut nicht nötig für sein Wohlergehen, seine Sicherheit oder seine Sozialverträglichkeit. Es ist nur Euer Wunsch und Euer Ehrgeiz, dass er die Obedienceübungen in höchster Perfektion lernen soll. Ihr wollt auf Prüfungen gehen, nicht Euer Hund. Er arbeitet aber gern mit Euch zusammen und lernt auch all diesen „Quatsch“ mit Begeisterung und zeigt ihn sogar auf einer Prüfung, wenn’s denn sein muss – wenn Ihr fair mit ihm umgeht. Meine persönliche Richtschnur dabei ist: ich „darf“ meinen Hunden alles beibringen, auch „Quatsch“, FALLS ich es auf der Basis von rein positiver Verstärkung schaffe. Notfalls gehen wir eben nicht zu Prüfungen oder haben keine hohen Punktzahlen. Stress, Zwang, „Druck“ oder gar Schmerz bereite ich ihnen jedenfalls für solche Kinkerlitzchen nicht. Das habe ich ihnen fest versprochen. Sie danken es mir mit einer absolut positiven „Arbeitsmoral“ und durch ihre Fröhlichkeit und Unbefangenheit im Umgang mit mir.

3. Warum in aller Welt sollte Euer Hund eine bestimmte Übung „gar nicht lernen wollen“!? Meint Ihr etwa, der Hund stellt sich hin und sagt: „Okay, Distanzkontrolle und Voran mache ich noch mit, aber beim Apportieren weigere ich mich einfach mal – da kann die Olle machen, was sie will!“ ??? Das hoffe ich nicht!!! Es liegt immer an Euch, wenn der Hund etwas nicht kapiert. Ganz bestimmt macht Ihr Timingfehler, erwartet zu große Fortschritte oder habt sogar Trainingsfehler gemacht, aufgrund derer der Hund begonnen hat, die Problemübung zu hassen oder zu fürchten. Viele hundliche „Versager“ haben einfach nur Stress mit ihrem Menschen. Vielleicht ist die Übung auch deswegen schwierig für den Hund, weil er sich z.B. fürchtet, außer Sicht abzuliegen oder es hasst, Metall im Maul zu tragen. Aber auch das bekommt man „rein positiv“ hin. Und - wollt Ihr Euren Hund ausgerechnet zu solchen ihm unangenehmen Übungen wirklich über Druck und Zwang bringen? Ist das fair?

Ein plötzlicher Wechsel von positiver zu negativer Verstärkung ist jedenfalls normalerweise nicht das Mittel der Wahl, Ausbildungsprobleme anzugehen, sondern eher als Kunstfehler zu betrachten. Aber – da fällt mir was ein. Vielleicht ist es ja auch gar nicht der Hund, der „etwas einfach nicht lernen will“, sondern der Hundeführer, der seinem Hund diese bestimmte Übung „einfach nicht beibringen will“. Sonst müsste es doch schon längst damit klappen! Offenbar ist der Hundeführer dickköpfig, stur und dominant! Da würde ich doch sagen: Schluss mit dem Trallala! Setzen wir doch den Hundeführer mal unter Strom! Vielleicht klappt’s dann endlich. Tut ja schließlich gar nicht weh...

Nichts für ungut ;-)

Eure Sabine Winkler

2/2001 für die Interessen Gemeinschaft (IG) Obedience

Anmerkung: Dieser Artikel bezieht sich auf die Anwendung von "Contact your dog" im Obedience-Sport. Doch die Lerngesetze gelten für jede Sportart mit dem Hund - auch für den Jagdsport.

Bundesweites Verbot von Teletaktgeräten

Keine Ausnahme beim Anwendungsverbot von Teletaktgeräten

In der Fassung der Bekanntmachung des Tierschutzgesetzes vom 25. Mai 1998, geändert durch Artikel 2 des Gesetzes vom 12. April 2001, ist es nach § 3 Nummer 11 Tierschutzgesetz verboten, ein Gerät zu verwenden, das durch direkte Stromeinwirkung das artgemäße Verhalten eines Tieres, insbesondere seine Bewegung, erheblich einschränkt oder es zur Bewegung zwingt und dem Tier dadurch nicht unerhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügt, soweit dies nicht nach bundes- oder landesrechtlichen Vorschriften zulässig ist.
Neben den sog. Kuh- bzw. Schweinetreibern oder Kuhtrainern zielt dieses Verbot auf die Anwendung von Elektroreizgeräten (wie z.B. Teletaktgeräte) in der Ausbildung von Hunden ab. Das neuste Urteil des Verwaltungsgerichts Gelsenkirchen vom 14. Mai 03 kommt, unter Berücksichtigung der oben genannten Novellierung des Tierschutzgesetzes zu dem Schluß, dass die Anwendung von Elektroreiz- oder Teletaktgeräten generell nicht erlaubt ist. Bestimmte Ausnahmefälle vom Anwendungsverbot, wie sie nach dem Urteil vom 12. Januar 1998, Amtsgericht Jever, aufgrund der alten Fassung des Tierschutzgesetz, noch in bestimmten Einzelfällen möglich waren, sind nach der Novellierung des Tierschutzgesetzes demnach nicht mehr gegeben. Bezogen hat sich das damalige Urteil auf den alten § 3 Nr. 5 Tierschutzgesetz (Ausbildungsverbot für Tiere, sofern dies mit erheblichen Schmerzen, Schäden oder Leiden verbunden ist). Beim Verkauf von verschiedenen Geräten, wie Teletakt-, Anti-fence- und
Anti-bell-systemen, welche durch direkten Strom auf den Hund einwirken wird normalerweise leider nicht daraufhingewiesen, dass die Anwendung dieser Geräte bundesweit verboten ist. Die Freiverkäuflichkeit, wie sie im Moment noch besteht, darf den Käufer jedoch über das Anwendungsverbot nicht hinwegtäuschen. Vielmehr stellt die Anwendung eine Ordnungswidrigkeit dar und kann mit einer Geldstrafe bis zu 25 000 Euro geahndet werden.
Quelle
 

Folgende Auszüge sollten nicht außer Acht gelassen werden:

In Schleswig-Holstein wurde lt. Erlass des Ministeriums für Natur, Umwelt und Landesentwicklung vom 1.12.1992 die Anwendung solcher Geräte als tierschutzwidrig im Sinne des §18 Abs. 1 Nr. 1 des TierSchG untersagt: "Stromstöße durch elektrische Geräte bei Hunden: ... Gleichgestellt mit o.a. Geräten ("Bel-Ex" u.a. Geräte zur Unterdrückung von hundlichen Lautäußerungen) werden aus der Sicht des Tierschutzes auch Teletakt oder ähnlich arbeitende Geräte ... Aus hiesiger Sicht ist die Anwendung solcher Geräte tierschutzwidrig im Sinne des §18 Abs. 1, Nr.1 des Tierschutzgesetzes."" (aus: Ethologisches Gutachten zur Verwendung von Elektroreizgeräten bei der Ausbildung von Hunden, Dorit Feddersen-Petersen; in: Grundlagen einer artgerechten tierschutzgerechten Ausbildung von Hunden,
VDH, 2. Auflage, 1999, S. 62f.)
Somit gibt es einen Ländererlass, der bereits seit Jahren vor der Änderung des TierSchG vom Juni 1998 bestanden hat.
Es gibt auch ein Urteil des OLG Oldenburg, dass seit dem 21.4.1998 rechtskräftig ist, also auch schon vor der expliziten Aufnahme von Reizstromgeräten ins Tierschutzgesetz: "Am 21.4.1998 wurde das Urteil des OLG Oldenburg rechtskräftig, das nach Entscheidung des Amtsgerichts Jever vom 12.1.1998 die Anwendung von Elektroreizgeräten (hier: Teletakt-Gerät) bei der Ausbildung von Hunden als vorsätzlichen Verstoß gegen §3 Nr.5 TierSchG verurteilt ("Es ist verboten, ein Tier auszubilden oder zu trainieren, sofern damit erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden verbunden sind") und mit einer Geldbuße von 500,- DM geahndet. ... Begleitumstände ... an diesem Fall: 1. Der verurteilte Hundehalter hatte nachweislich kein funktionsfähiges elektronisches Dressurhalsband, sondern nur eine Attrappe ("um ein Weglaufen des Hundes zu verhindern") eingesetzt. Die Ausbildung ... war vorher erfolgt, und zwar
durch einen "anerkannten fachkundigen Jagdhundeausbilder". ... Allein das Anlegen eines dem Teletakt-Gerät ähnlichen Halsbandes genügt hier offenbar, um bei dem Tier schwerwiegende psychische Schäden und Leiden auszulösen: ...
Die Erwartungshaltung, irgendein Verhalten könne jederzeit einen Stromimpuls auslösen, erscheint ursächlich plausibel für dieses ambivalente, gestörte Verhalten. Das Tier hatte eindeutig Schmerzreiz und Teletakthalsband bzw. die dazugehörige Attrappe assoziiert. So resultierte die langdauernde "ängstliche Erwartung". ... Daraus ist der Schluss zulässig, dass der Einsatz eines Elektroreizgerätes auch dann tierschutzwidrig zur Anwendung kommen kann, wenn dieses Gerät nur in Anwesenheit eines "versierten Fachmannes" Verwendung findet, ...... 2. In seinem Urteil sah es der
Amtsrichter als erwiesen an, dass dem Hund durch das Anlegen der Teletakt-Attrappe länger anhaltende, erhebliche Leiden zugefügt worden waren. Er schlussfolgerte, dass es durchaus angemessen wäre, wenn der Tatbestand nicht als Ordnungswidrigkeit, sondern als strafbare Handlung im Sinne §17 Ziffer 2b. TierSchG geahndet worden wäre ......
Dieses Beispiel verdeutlicht die Tatsache der so sensiblen Lernmethoden. Gerade im Anlauf können sich kleine Fehler verheerend auswirken. Oftmals ist ein einziges Erlebnis für die Schädigung eines Tieres ausreichend, wenn methodische Fehler gemacht werden (mdl. Mitteilung Buchholtz 1998)" (aus: Ethologisches Gutachten zur Verwendung von Elektroreizgeräten bei der Ausbildung von Hunden, Dorit Feddersen-Petersen; in: Grundlagen einer artgerechten tierschutzgerechten Ausbildung von Hunden, VDH, 2. Auflage, 1999, S. 63ff.)
In diesem Werk wird der Einsatz von Elektroreizgeräten auch aus Ethischer Sicht von Prof. Dr. Teutsch beleuchtet. In seinen Schlussbemerkungen findet sich u.a. folgendes: "...Im übrigen sind es gelegentlich nicht nur tierethische Überlegungen, die hier zu bedenken sind, sondern auch Fragen der Individualethik, denn es stellt äußerst hohe Anforderungen an die Charakterfestigkeit eines Tiertrainers, nicht gelegentlich der Versuchung zu erliegen, den gewünschten Erfolg durch Steigerung der Reize schneller herbeizuführen: Zu leicht kann aus einem Erziehungsmittel ein Macht- oder Strafmittel werden. Fachliche Kompetenz und Sachkundenachweis sind zwar Voraussetzungen für
tierschutzgerechte Anwendung, aber keine Garantie. ... Ein ausreichend vernünftiger Grund, dass in §3 Nr.11 ausgesprochene Verbot zu lockern, ist aus ethischer Sicht nicht erkennbar." (aus: Ethisches Gutachten zur
Verwendung von Elektroreizgeräten bei der Ausbildung von Hunden, Gotthard M. Teutsch; in: Grundlagen einer artgerechten tierschutzgerechten Ausbildung von Hunden, VDH, 2. Auflage, 1999, S. 15f.)

Stromschläge nicht erlaubt

Musterurteil: Hunde empfinden Kontakt als Schmerz

aus: Ruhr-Nachrichten Dortmund vom 17.06.2003
Gelsenkirchen:
Von der sanften Art des "Pferdeflüsterers" mit Tieren umzugehen, hält der Kläger nichts. Hunde dagegen mit Hilfe von Elektroreizgeräten zu erziehen - das entsprach schon eher seinen Methoden. Der Kreis Recklinghausen hat ihm dies allerdings verboten. Und das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen hat die Ablehnung der Behörde in einem Urteil bestätigt: Nach dem Musterurteil ist der Einsatz von Elektroreizgeräten zur Erziehung oder Steuerung von Hunden generell untersagt.
Das gelte ausnahmslos, so die Richter, also auch wenn der Erzieher hohe Sachkunde nachweise.
Die Apparate funktionieren durch die Stromübertragung mit einem regulierbaren Sender. Das Empfangsgerät ist am Hals des Hundes befestigt. Die Stromzufuhr ist je nach Intensität für den Hund unangenehm bis schmerzhaft.
Instinktbedingte Bewegungen des Hundes z.B. beim Nachstellen eines Kaninchens werden nach Erkenntnis der Kammer durch den Apparat verhindert. Das sei nicht artgerecht. Stromschläge prägten das Tier dauerhaft. Die Praxis zeige, dass tierschützende Aspekte oft nicht berücksichtigt würden.
Der Kläger aus Belgien wollte die umstrittenen Geräte aus den USA auf einem Gelände in Marl einsetzen. Er veranstaltet dort regelmäßig Seminare zur Hundeausbildung. Er hatte versichert, die Stromzufuhr ermögliche eine Hundeerziehung ohne Stockschläge, Tritte und Stachelhalsbänder. Die Geräte gäben dem Hund mehr Bewegungsspielraum als an einer Hundeleine. Sie würden die Tiere auch schneller vom Wildern, vom Attackieren von Spaziergängern oder vom plötzlichen Überqueren einer Straße abhalten.
Die Erziehung von Hunden können naturgemäß nicht frei von Schmerzen und Zwängen sein, betonte der Kläger. Behörde und Gericht waren da ganz anderer Meinung. (AZ.: 7 K 625/01)

2 weitere Links zu dem Thema:

http://muensterlaenderin.de/starkzwang.htm

http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/stichnothj_2002.pdf